So ist das Leben
01 | 02 | 2014   

TEXT  Ingmar Dobberstein

Ankommen möchte ich! Endlich ankommen, eine wohlige Ruhe spüren und Gewissheit haben, dass die Dinge so, wie sie sind, richtig sind.

Was für ein Gefühl ist das eigentlich, und welches Bedürfnis steckt dahinter? Würde man den chinesischen Philosophen folgen, wäre der Weg das Ziel und damit ein Ankommen gar nicht erstrebenswert. Würde man Heisenbergs Unschärferelation als quantenphysikalisches Naturgesetz hinzuziehen, könnten wir ohnehin nicht unsere Position und die Bewegung unseres Lebens gleichzeitig bestimmen. Da Bewegung, Dynamik und damit Veränderung ebenso zu den geltenden Naturgesetzen gehören, kann ein Ankommen maximal für einen Moment gelten, für eine Zwischenbilanz – für das ganze Leben bleibt es nahezu unmöglich.

Und wo würden wir denn eigentlich ankommen wollen? Unsere Grundbedürfnisse nach Sicherheit, sozialer Anerkennung oder auch unser Streben nach Sinn und Glück sind in ihrem komplexen Zusammenhang verständlich, aber bei genauerer Betrachtung kaum stetig und in Gänze erfüllbar: Der Zufall in Gestalt von Unfällen, Krankheiten und anderer unvorhersehbarer Ereignisse kann trotz guter Lebensweise unsere Sicherheit aufs Schwerste erschüttern; und Anerkennung ist nie nur von unserem Verhalten und unseren Fähigkeiten abhängig, sondern immer auch von der sozialen Gruppe, in der wir agieren. Und auch das Streben nach Sinnhaftigkeit wird so sehr durch unser Wertesystem bestimmt, dass beides der gleichen steten Veränderung unterliegt. Nicht zuletzt das Glück, das bei genauerer Betrachtung nur ein Moment und nie ein Dauerzustand sein wird, schon allein deshalb, weil die Lebensrealität uns schnell wieder erdet. Es ist unzweifehaft so, dass das Leben nun mal nicht in einer geraden Linie verläuft, sondern eher einer verworrenen Zickzackstruktur entspricht. Den Gang des Lebens zu verstehen, ist vielleicht zum Ende unseres Lebens möglich. So oder so, ganz gleich welches Bedürfnis wir betrachten, und unabhängig davon, wie viel Zeit und Aufwand wir investieren, um es zu erfüllen – es gibt einfach keine Garantie für das Gelingen oder für die dauerhafte Befriedigung aller Grundbedürfnisse.

Ohne Zweifel gibt es aber einen »Ort«, an dem wir längst angekommen sind, wo wir höchst präsent sind: der neue Tag im Hier und Jetzt. Wie lässt sich verstehen, dass wir zwar mit beiden Beinen im Hier und Jetzt stehen und Anwesende in unserem Leben sind, aber gleichzeitig immer wieder von dem träumen, was wir noch nicht haben? Ist das das höhere Streben, das den Menschen ausmacht? Ist das die viel besagte Rastlosigkeit des menschlichen Wesens?

Dass das Schneller-höher-weiter-Prinzip nicht zu den Naturgesetzen gehört, ist seit vielen Jahren an der Entwicklung der abendländischen Wohlstandsgesellschaft ablesbar. Nicht nur dass sich statistisch nachweisen lässt (gapminder.org), dass die Entwicklung des Menschen auf einem gewissen Punkt der Quantität stagniert und sich im Anschluss vielmehr auf der Ebene der Qualität fortentwickelt, auch der Blick in die Natur, auf biologische Prozesse lehrt uns, dass bestimmte Lebensumstände das Einstellen eines Gleichgewichtes bewirken, bei dem die Quantität als angestrebtes Ziel nicht vorkommt. Wir selbst sind der beste Beweis für dieses Phänomen, wenn man bedenkt, dass wir uns seit Jahren mit Krisen herumschlagen, die durch unser eigenes Denken, Handeln und den fehlenden Willen zur Veränderung der Gesellschaft hervorgerufen wurden. Beispielsweise das Streben nach maximalen Gewinnen auf Basis eines Wertpapierhandels, der zu oft einer wirtschaftlich-produktiven Grundlage entbehrt, oder der weitläufig verbreitete Ansatz der Industrie, durch vermeintliche Optimierungen der Produktion, meist auf Kosten der schaffenden Menschen, jeden letztmöglichen Cent aus dem System zu quetschen. Unter diesen Vorraussetzungen muss sich niemand wundern, wenn die Bürger dieses Landes, das eines der reichsten und bestentwickelten der Welt ist, wieder Marx lesen und das System in Bezug auf seine Gerechtigkeit hinterfragen. Beim Vergleich der persönlichen materiellen Ressourcen mit denen der Hilfs- und Rettungspakete für versiebende Banken und Länder kann der Gedanke aufkommen, die Bürger wären Stückvieh der Gesellschaft, die zur Produktion verdonnert, aber nicht wirklich um echte Mündigkeit und Mitarbeit an der Gesellschaft gebeten werden.

In Deutschland haben wir dennoch die Möglichkeit, eines der schönsten Leben zu genießen, die auf diesem Planeten möglich sind. Erstaunlicherweise sind die Deutschen im Happy Planet Index gerade mal auf Platz 46 gelandet, und das nach Ländern wie Costa Rica (Platz 1), Nicaragua (Platz 8) und Cuba (Platz 12). Betrachtet man die Statistik auf www.happyplanetindex.org wird außerdem deutlich, dass die meisten westlichen Länder mit den vermeintlich höchstentwickelten Gesellschaften nicht im ersten Drittel der Glückseligkeit zu finden sind. Man könnte daraus schließen, dass je höher der Wohlstand, umso geringer die Fähigkeit ausgeprägt ist, diesen Wohlstand als Glück zu empfinden. Können wir also den Rachen einfach nicht voll kriegen? Oder haben wir in der Situation, nahezu nichts mehr entbehren zu müssen, verlernt, das Glück in unserem Hier und Jetzt überhaupt wahrzunehmen?

Vielleicht schlägt sich in den Statistiken nieder, dass der Happy Planet Index zusätzlich den ökologischen Fußabdruck eines Landes berücksichtigt und ihn in den Gesamtindex mit der subjektiv empfundenen Lebensqualität sowie der statistischen Lebenserwartung in Relation stellt. Allerdings ist Deutschland auch in anderen Indizes bei Weitem nicht auf den vorderen Plätzen. In der Database of Happiness landen wir gerade mal auf Platz 30, im Better Life Index der OECD auf Platz 17.

Ist alles nur eine Frage der Akzeptanz des eigenen Glücks – eine Frage der Wahrnehmung?

Das Leben ist ungerecht, ohne Zweifel. Man würde das auch Menschen in Deutschland sagen hören, aber wirklich ungerecht kann man das Leben erst beim Blick auf die gesamte Menschheit nennen. Wahrscheinlich ist es heute genauso entscheidend wie vor 2.000 Jahren, in welche Region, welche Familie und welchen sozialen Stand man hineingeboren wird. Bewegen wir uns einmal aus dem nationalen, ja sogar europäischen Dunstkreis hinaus, werden wir in vielen Ländern, die über uns gerankt sind, Lebensumstände vorfinden, die deutlich ungerechter sind als hierzulande. Die Beispiele dafür sind uns allen bekannt, denn sie werden täglich in unseren Medien ausgestrahlt. Obwohl wir diese Informationen auf allen uns zur Verfügung stehenden Kanälen erhalten, scheinen sie keine Veränderung in der Wahrnehmung unseres eigenen Glücks, nicht unter derartigen Umständen leben zu müssen, herbeizurufen. Klagen und Unzufriedenheit über die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten – landauf, landab immer wieder zu hören – sind ein armseliges Zeugnis unserer mangelnden Fähigkeit zu erkennen, dass gerade in diesem Teil der Welt nahezu jede Chance besteht, sein Leben mit Sinn und Glückseligkeit zu erfüllen. Zumindest solange man sich dafür entscheidet und sich ein klein wenig dafür einsetzt.

Diese Einstellung hat allerdings weder mit dem Gefühl des Ankommen-Wollens zu tun noch mit der Forderung an die Gesellschaft, Glückseligkeit für seine Bürger bereitstellen zu müssen. Die Indizes wie auch die ganz persönlichen Glücksmomente des eigenen Lebens betrachtend, wird man mit etwas Ehrlichkeit feststellen, dass Glücksempfinden unter Umständen nicht zu unserem vorherrschenden Wertesystem passt. Dabei haben schon Janet Jackson und Luther Vandross davon gesungen, dass die besten Dinge im Leben ohne Geld zu haben sind. Der Materialismus in unserem Denken, das Verständnis von Erfolg und angestrebten Zielen scheinen dabei häufig sogar der Auslöser für unglückliche Momente zu sein. Der Vergleich des eigenen Lebens mit denen anderer Menschen ist ja durchaus normal und notwendig, um sich irgendwo einordnen zu können. Wichtiger aber ist die Frage, wie man mit den Ergebnissen dieser Standortbestimmung des eigenen Lebens umgeht. Diese können schnell negativ wirken, wenn sie verdeutlichen, dass andere Menschen in ihrem Leben mehr »erreicht« haben. Vergleiche helfen aber auch dabei, sich der eigenen Lebensentscheidungen bewusster zu werden. Dieser eigenverantwortliche Ansatz wird entweder die Wahrnehmung des persönlichen Lebensglücks ermöglichen oder aber die nötige Handlungsfähigkeit herbeiführen, neue Weichen für ein erfüllteres Leben zu stellen, sich der Dynamik des Lebens anzupassen und trotz aller Veränderungen in der Außenwelt eine Glücksfähigkeit zu entwickeln.

Wir sollten uns allerdings bewusst machen, dass Veränderung immer etwas mit dem Verlassen des sicheren Hafens zu tun hat und es nur menschlich wäre, wenn uns das zunächst verängstigt. Doch gibt es keine Alternative, keinen Weg, die Naturgesetze der Dynamik und Veränderung zu beeinflussen.

Wir können denken und uns zurechtreden, was wir wollen, die sogenannte Natur oder auch die biologischen, chemischen und physikalischen Naturgesetze sind da völlig wertfrei und kennen das Bedürfnis nach Sicherheit nicht. Das Leben ist Veränderung!

Gerne unterscheide ich meine Mitmenschen in diesem Zusammenhang in Systementwickler und Systemerhalter, sowohl auf die gesellschaftlichen und sozialen Prozesse als auch auf das jeweilig persönliche Leben bezogen. Dass der Mensch die Fähigkeit zu großen Veränderungen hat, wurde in der Geschichte der Menschheit unzählige Male bewiesen. Ebenso wie der Fakt, dass diese Veränderungen nur aus einem selbst kommen können. Natürlich wird alles, was wir tun und lassen, durch äußere Reize oder andere Menschen beeinflusst, aber eben auch nicht mehr. Die Suche nach Sinnhaftigkeit, Glückseligkeit und dem Ort unseres »Ankommens« ist also vielmehr eine Frage der eigenen Entscheidung als die der äußeren Lebensumstände – eine Einstellungsfrage also , die viel mit dem erlernten Wissen über Menschen, Gesellschaft und Umwelt zu tun hat und an deren Anfang Selbsterkenntnis und Selbstbekenntnis stehen: Ich darf so sein wie ich bin, natürlich unter Wahrung der Regeln des sozialen Miteinanders, aber eben auch unter Wahrung meiner Individualität inklusive des eingeschlagenen Lebensweges.

Bei genauerem Blick auf meine Mitmenschen, aber auch auf mich selbst ist es erstaunlich, wie häufig wir tradierten und überlieferten Lebenskonzepten und -weisheiten folgen. Dabei ist nichts gegen Traditionen zu sagen, die Kultur bewahren und eine Herkunft vermitteln. Zu viel Bewahrung stand allerdings schon immer eben dieser naturgesetzlichen Veränderung gegenüber und hat eher zur Vernichtung einer Population beigetragen als zu deren Zukunftsfähigkeit. Beim Blick auf die Menschheitsgeschichte, von unserem Sesshaft-Werden bis in die Moderne, wird mehr als offensichtlich, dass nicht wir Menschen dem Planeten sagen, wo die Reise hingeht, sondern er uns. Die Limitierung des Erreichbaren könnte uns heute klarer sein denn je zuvor, wenn wir den Gedanken nur akzeptieren könnten. Er würde uns in das Hier und Jetzt katapultieren und die Fähigkeit herstellen, den Moment zu genießen, gerade weil man nicht in jeder Situation nach etwas noch Höherem und doch Unerreichbarem streben würde. Der Blick in die Möglichkeiten des Augenblicks offenbart die sehr realistische Handlungsfähigkeit, in diesem Moment entweder glücklich zu sein oder sich auch dagegen zu entschieden, weil leiden gerade mehr zu einem passt.

Leonardo da Vinci sagte: »Wer das Leben nicht schätzt, der verdient es nicht.« Und ja, das Leben hat uns alle Fähigkeiten zum Empfinden und Herstellen von Glückseligkeit gegeben: ein Gehirn zum bewussten Wahrnehmen der unbewussten Sinne und Gefühle; die Zeit, dies zu üben, ohne dass wir uns dabei um das Funktionieren des biologischen Lebens unseres Körpers kümmern müssten, sowie die Fähigkeit, dies an nachfolgende Generationen zu vermitteln, auf dass die Erfahrungen des Lebens nicht einfach mit dem Tode verpuffen.

So ist das Leben – Just do it!

 

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