Der seltene Vogel Mensch
01 | 02 | 2014   

Text  Eric Weigel

Dieses Leben ist eines der schwierigsten. Für alle diejenigen, denen es noch nicht ins Auge gefallen ist: Der Begriff Leben erfährt in unserer Kultur eine inflationäre Verwendung. Ein Werbeblock, ein Blick in die gängigen Lifestylemagazine genügt um festzustellen, dass mit dem Begriff „Leben“ gespielt, gearbeitet, gedacht wird. Mach mehr aus deinem Leben! Besser leben! Wahres Leben! Es überhäufen sich die rezeptartigen Heilsversprechungen der Industrien angesichts einer wachsenden Zivilisationsnachfrage auf der Suche nach dem „guten Leben“. Offensichtlich gibt es einen ideellen Bedarf nach Hilfestellung bezüglich dieser Frage. Woraus resultiert dieser Bedarf? Ist dies eine den Menschen schon immer belastende Frage? Oder gibt es ein kritisches Geschichtsmoment, an dem die Frage nach dem guten Leben besonders intensiv wird?

Kaum jemand charakterisiert die individuelle Befindlichkeit des Menschen in der Moderne so eindringlich, wie der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa. Sein Tagebuchroman, „Das Buch der Unruhe“, ist ein perfekt ausformulierter Existentialismus avant les lettres, lange bevor Sartre versucht hat, seiner Existenzphilosophie literarisch-illustratives Leben einzuhauchen. Schon der Beginn eröffnet die Problemrahmung eines veränderten Zeitgeistes, der unmittelbar die Abwesenheit vormals lebensanleitender Instanzen feststellt:

»Als die Generation geboren wurde, der ich angehöre, fand sie die Welt ohne Stützen […] vor. Die zerstörerische Arbeit der vorangegangenen Generation hatte bewirkt, dass die Welt […] uns keinerlei Sicherheit in religiöser Hinsicht, keinerlei Halt in moralischer Hinsicht und keinerlei Ruhe in politischer Hinsicht bieten konnte. […]«

Tatsächlich lässt sich anhand gebündelter ideengeschichtlicher Entwicklungen argumentieren, dass spätestens mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, der Mensch zu neuen Lebenswahrnehmungen gezwungen wird. Grob skizzierte Gründe dafür sind vor allem die zunehmende Verwissenschaftlichung der Welt und damit des eigenen Lebens, gepaart mit einer überstürzenden Flut von Möglichkeiten ideeller und technischer Art. Von den Religionen kann behauptet werden, es sei geradezu ihre Elementarfunktion dem sonst haltlosen Leben eine sinnstiftende und strukturmoralische Form zu verleihen, ein ethisches Moment, das dem Gläubigen jederzeit und in jeder Lebenslage beratschlägt, tröstet und führt. Gott war sozusagen der stets an die postmortale Existenz im Jenseits erinnernde, beängstigende Lifestyleberater im Diesseits.

Diese Fremdbestimmtheit ist eine psychologisch kuschelige Blase: Das Leben scheint einfacher und leichter, wenn eine höhere Instanz das Denken und die Entscheidungen abnimmt. Es ist bequem und verteilt die Verantwortung auf viele Schultern. Neben religiösen Anleitungen giert der Mensch praktisch nach ihn erleichternden Autoritäten: Gott, der Arzt, der Therapeut, der Chef und sogar das Fernsehen. Die Kant´sche Maxime „Wage dich, zu denken“ unterfütterte das ideelle Substrat, sich von religiösen Führungen zu lösen. Die Konsequenz dieses Paradigmas ist dichterisch erlebbar in Goethes „Prometheus“:

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet?
Je des Geängstigten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit

So weicht die Idee eines führenden Gottes der Idee eines selbstbestimmten Menschen, der als Konsequenz (zunächst) befreit erscheint. Tenor ist stets, dass der Mensch stark genug sei, durch eigene Kraft das Leben zu meistern. Die der Macht Gottes vorbehaltenen Wunder des Lebens wurden entkräftet. Die Welt wurde durch Wissenschaft entzaubert.

Euphorisch warf man sich in dieses neue Zeitalter, aber gerade jene Hineingeworfenheit wurde alsbald zum Problem. Nunmehr losgelöst sind wir aufgefordert, unser Leben selbst zu bestimmen. Die Moderne gewährt uns ein kaum zu fassendes Angebot an Lebensentwürfen und aus der Werbung allseits bekannte lebensoptimierende Mittelchen. Der Soziologe Gerhard Schulze formuliert „Erlebe dein Leben!“ sei der kategorische Imperativ unserer Zeit.
Die Suche danach beginnt mit der Frage, wie das eigene Leben sein soll? Bin ich eigentlich kein Tankwart, sondern Deutschlands neuer Superstar? Mit wem möchte ich mein Leben verbringen? Wo sollte ich wohnen, um mein Leben optimal entfalten zu können? Wie möchte ich aussehen, damit ich glücklicher durch mein Leben gehe?

Die Entwicklung führte den Menschen zu einer Kultur des »Ich-könnte«. Zwar kann man auch einer mittlelalterlichen Magd Träume von einem anderen Leben zutrauen, aber nie war das Bewusstsein für die tatsächlich ergreifbare Möglichkeit eines anderen, erfüllten Lebens in einem so großen Machbarkeitsbereich wie heute. Jeder ist sich über die Einzigartigkeit seines Lebens im Klaren. Nach einem ersten Befreiungsrausch wächst alsbald der Druck, die Torschlusspanik, ein Entfaltungs- und Verwirklichungszwang und damit eine, sich hinterrücks einschleichende Verzweiflung. Bilderreich beschreibt der häufig zitierte Verzweiflungsexperte Sören Kierkegaard moderne Möglichkeitsverkettungen:

»Man kann sich in der Möglichkeit auf jede mögliche Weise verirren […] Wie sooft in Märchen und Volkssagen von einem Ritter erzählt wird, der einen seltenen Vogel erblickt, dem er unablässig verfolgt, wobei es anfangs so aussieht, als wäre er ihm ganz nah – aber dann fliegt er wieder weiter, bis es Nacht darüber geworden ist, und er von den Seinen abgekommen ist, ohne den Weg in der Einöde finden zu können, in der er sich jetzt befindet: so ist es mit der Möglichkeit des Wunsches.«

Der seltene Vogel ist das mögliche Leben, das wir führen könnten, das unablässige Verfolgen der subtile Druck, die Gier, das bestmögliche Leben zu erreichen. Die Nacht ist die über das Individuum hereinbrechende Verlorenheit.

Das Wissen um die eventuell zur Verfügung stehenden, anderen, besseren Lebensentwürfe lässt uns zweifeln. Wieder mal sind die Hölle die Anderen: Diesmal die anderen Leben. Diese offensichtliche ideelle Nachfrage ist der perfekte Nährboden vermeintlich lebensbereichernder Konsumgüter. Ständig versprechen uns die Konsumstrategen Instrumente für ein besser gelingendes, glücklicheres Leben bereitzustellen: Man sei glücklicher mit dem neuen iPhone, das Leben werde gesünder durch die neuen linksdrehenden Joghurtkulturen, durch die sichere Altersvorsorge werde mein Leben auch im Alter gut sein. Die Biorhythmus-App rechnet anhand unserer Atmung aus, wann wir aufstehen sollten, um ausgeruhter durch das anstrengende Leben zu gehen. Mit Ritalin führst du ein aktiveres, erfolgreicheres Leben. Jedem Lebensbereich und jedem Lebensalter steht ein gigantischer Werkzeugkasten der Verbesserung zur Verfügung: pharmazeutisch, technologisch, fiskalstrukturell, stilistisch und auch in den Fragen der Liebe.

Dabei sollen wir nur kurzfristig glücklicher werden. Unverkennbar ist die Industrie daran interessiert, den modernen Menschen nur bis zur nächsten Möglichkeit glücklich zu machen. So entspinnt sich ein sich ständig neu entfachender Brand, ein sich immer wieder von selbst neu schürendes Feuer, das unsere Konsumbereitschaft atemlos auf Stand-by stellt. Kaum noch ist es nötig, dass der Markt uns befragen muss, was wir gerne hätten, denn wir selbst bringen unsere geheimsten Wünschen zu den Märkten: mit jedem gegoogelten Begriff, jedem „I like“ und mit jeder Treue-Kunden-Payback-Herzchen-Karte. Jede App, die wir herunterladen, zeigt dem interessierten Markt unsere Bedürfnisse, Wünsche und Hoffnungen. Und unsere Lebensleerstellen, also all jenes, was wir uns für unser Leben wünschen. Perfekt, um neue Produkte zur Lebensverbesserung zu entwerfen.

Jede Ecke des Lebens wird hinsichtlich ihrer ideellen und praktischen Bedürfnisse durchleuchtet. Für jede Altersgruppe und jede Sinnkrise überwirft sich der Markt mit Angeboten. Im Sinne des deutschen Philosophen Martin Heideggers lässt sich mit einer gewissen Kälte sagen, der Mensch werde innerhalb dieses Systems zu einer Art bestellbaren Feld. Die Bedürfnisse des Menschen können bestellt werden, wie ein Bauer das Feld systematisch gewinnbringend bestellt und beackert, um den optimalen Ertrag zu erzielen. Somit wird der Faktor Menschenleben zu einem industriellen Bestandsstück, das versorgt werden will. Die dahinter wirkenden real-emotionalen Existenzen sind dem auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Markt egal; er stopft sie nur, mehrt sie, unterfüttert sie, bedient sie und schürt neue Bedürfnisse.

Wie also sollen wir in diesen Zeiten leben? Wie sollte unser Leben dem Leben begegnen, um ein glückliches zu sein? Sicherlich sind Möglichkeiten begrüßenswert. Die Rückkehr in möglichkeitsärmere Gefilde wäre ein Rückschritt. Zuweilen beobachtet man eine Lebensführung in der Askese; oft ideell untermauert von der Rekursion auf fernöstliche Lehren. Motiviert ist diese Methode leider allzu oft von einer reaktionären Nostalgie, die ihr Heil in der Absage sucht. Die Systemflucht wird zur Lebensflucht, die nichts desto trotz systemintern bleibt. Was also empfiehlt die Philosophie? Paradoxerweise hat man auch hier die Auswahl zwischen unzähligen lebensanleitenden Modellen, denn ein Großteil der Philosophie hat als Endkonsequenz immer die Absicht, natürlich auch das Leben zu verbessern, sei es auch durch die Einsicht in eine mitunter schmerzliche Wahrheit.

Methodisch kommen diese oft daher wie eine philosophische Dreiländerwirtschaft, wenn a) ein vergangener paradiesischer Zustand skizziert wird, b) der Zerfall dieses Idylls analysiert wird, um dann c) zu einer weiseren Rückkehr ins Paradies zu gelangen. Der olle Schiller glorifiziert beispielsweise in seinen „Briefen zur ästhetischen Erziehung“ dauernd den Hellenismus, dem eine Lebensführung inne gewesen wäre, die die quälende Kluft zwischen rein mechanischem Trieb und zivilisierter Sittenkultur mittels einer ästhetischen Wahrnehmung geschlossen hätte. Interessanterweise entspinnt sich seitens moderner Philosophen immer wieder die Idee einer versöhnlich wirkenden und dadurch lebensbereichernden Ästhetisierung des Denkens. Vollkommen systemintern solle auf Individualebene eine bestimmte ästhetische Haltung zum Leben kultiviert werden, die uns helfe, das Leben besser zu verstehen.

Zumindest unterhaltsam ist das Leben in einer möglichkeitsüberfluteten Zeit. Blendend ist das strahlende Lächeln der glücklichen jungen Menschen oder des Werbeidylls. Still und unterschlagen sind die Momente, in denen uns das Lachen vergeht. Allein und alleingelassen besucht uns die Sorge um das eigene Leben in manchen Nachtstunden, wenn der Zweifel Einkehr hält. Tröstend ist die Einsicht, dass es kaum ein Erdenalter gab, in dem das Leben so spannend war, in denen das Leben so geschichtenangereichert, frei und narrativ war. Wir wandern durch ein Sammelsurium an hell erleuchteten, uns anschreienden Artefakten.

Glücklich scheint derjenige Idiot zu sein, dem es gelingt, ein dichterisches Leben zu führen, das Leben dichterisch wahrzunehmen, die Sorge umzukehren in ein Erlebnis. Langsam werden wir mutiger darin, auch die Zweifel und Verzweiflung zu artikulieren und sehen voller Erstaunen, dass die Anderen in ihren Schwächen mitleiden, mitfühlen, sich mitteilen, sich solidarisieren. Und siehe da: wir bemerken, wir sind nicht allein. Der Ritter, der dem seltenen Vogel folgt und sich darüber verliert, reitet nicht alleine aus. Es sind ganze Armeen mit denen wir unsere Lebensmöglichkeiten und die damit verbundenen schmerzlichen Symptome teilen können. Machen wir also selbst verloren im tiefsten Nachtwald noch ein wärmendes Feuer.

 

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